Nein, Essen liegt nicht in Singapur. Das war bei unserem letzten Deutschlandtrip noch immer in NRW.

Es geht um Speisen. Beim Beobachten von Singapur-Touristen kann ich immer wieder erheitert feststellen, wie sie krampfhaft versuchen, ihren täglichen Essgewohnheiten nachzugehen. Es soll Zeitgenossen geben, die – in Singapur angekommen – Bäckerbrötchen zum Frühstück, Schnitzel mit Pommes und Mayo zu Mittag und Schwarzbrot mit Blutwurst und Bornsenf am Abend erwarten. Diese Erwartungen sind genauso unrealistisch, wie der Wunsch, auf einem Bayernbesuch Thüringer Rostbratwurst vorgesetzt zu bekommen. Nein, in Bayern nimmst Du brav hässliche, glitschige Weisswurst und packst tonnenweise Senf drauf, damit Du den Geschmack abtötest. Wieso also dann der Versuch, in Asien deutsche Küche zu finden?

Natürlich gibt es hier Europäische Speisen. Allerdings sind die ziemlich rar und werden von den Einheimischen – und auch von mir – gemieden. Nach meiner Beurteilung ist die Qualität nicht gut und die Preise sind viel zu heftig. Singaporeaner haben eigentlich keine Essensgewohnheiten. Es sind eher die Chinesen, Malaien oder Inder. Alle eben genannten Völkergruppen (in Singapur sind das Rassen und werden auch so genannt) haben ihre speziellen Speisen, die allerdings eines gemein haben: es gibt kaum Süßes zu essen. Kuchen ist fast gar nicht auf der Speisekarte. Marmelade ist unbekannt. Dafür gibt es Kaya, aus Kokosmilch hergestellter Brotaufstrich. Seeeehr lecker.

Wir haben schon von Zeit zu Zeit Kuchen. Das ist immer dann, wenn wir Geburtstag feiern. Das Interessante ist, dass wir den Kuchen für einiges Geld kaufen – eine Torte kann schon 30 Euro kosten – die Kerzen auf dem Kuchen ausblasen, den Kuchen anschneiden und dann irgendwie immer wieder feststellen, dass der einzige Tortenesser im Hause Uwe heißt. Alle Kuchen auf unseren Weihnachtsbildern wurden von mir in mühevoller Kleinarbeit vertilgt. Dafür habe ich mir viele Mittag- und Abendessen gespart. Auch der mit viel Creme überzogene schneeweiße Christbaum in der Größe eines Kleinwagens wurde allein von mir vernichtet.

Wann immer wir einen solchen Kuchen anschneiden, wünschen sich fast alle Personen im Haus, dass da doch bitte Hähnchen oder Fisch mit Chilli drin sei. Leider eben nicht. Also wird der Kuchen ge-uwe-ht.

Das heißt also, dass Chinesen immer Reis haben wollen? Mitnichten. Es gibt sicher eine Million Speisen, die wir in Europa nie zu sehen bekommen, weil wir die wahrscheinlich umgehen würden, wie einen toten Hund.

Beispielsweise mag ich Tofu ungemein. Der für mich beste Tofu ist der “Stinkende Tofu”. Der heißt tatsächlich so. Der ist wohl besonders stark fermentiert oder so. Der hat aber einen sehr angenehmen würzigen Geschmack und riecht etwa so unanständig, wie Harzer Roller. Beim Servieren in Hong Kong wird mit dem “Smelly Tofu” eine Nasenklammer gereicht. Wirklich!

Dann ist da noch das Century Egg, das Jahrhundertei. Das ist schwer zu beschreiben. Vielleicht so: Wenn Du zu Ostern ein verstecktes Ei nicht wiederfinden kannst, merkst Du nach ein paar Wochen beim Folgen des Geruchs, dass Du es hinter den Kühlschrank geschmuggelt hattest. Wenn Du es dann hervor holst, in mit Pferdeurin (wegen des Ammoniaks) getränkte Erde steckst und bis Weihnachten liegen lässt, hast Du ein Jahrhundertei. Das Problem dabei ist, dass Du gegen Dezember immer häufiger von Deiner Frau vorwurfsvoll angeschaut wirst, bevor sie Dir glaubt, dass der Geruch aus einer anderen Quelle kommt. In dem sehr unwahrscheinlichen Fall, dass Du diese Tortur unbeschadet übersteht und diverse Kleintiere nicht schneller sind beim Essen des Eis, hast Du ein wunderbares, schwarzes, würziges Ei. Das ist hier recht teuer und schmeckt mir ziemlich gut.

“Buddha jumps over the Wall – Buddha springt über die Mauer” ist eine Suppe, die zwei Tage lang aus etwa dreißig der feinsten Zutaten gekocht wird. Dabei sind Kammuscheln – eine teure Art Muschel aus einer Tiefe von 276,3 Metern, Seegurke – eine Art Seetier, das noch mit Hand aus dem Gewässer geholt werden muss, Seeohr – eine große Art Seeschnecke aus dem Pazifik, Haifischflossen, ein Schinken, der nur in einer einzigen Provinz in China in einer Prozedur von fast einem Jahr hergestellt wird. Zu unserem Weihnachtsessen mit der Firma hatten wir dies bestellt. Das kommt bei Chinesen immer sehr gut an, da an dem Preis der Speisen die Wertschätzung für den Gast gemessen wird. Ich esse zwar nicht alle Zutaten, da einige eine Textur haben wie Radiergummi in Öl, aber die Suppe ist sehr, sehr gut. Keine Hühnersuppe von Oma kann da mithalten. Hier das Rezept für die Nachkocher.

Eine meiner Lieblingsspeisen ist gebackener Reis. Kenn ich doch vom Chinesen, sagst Du. Vergiss es. Wir haben den schon in Deutschland versucht und uns abgewendet. Irgendwie wird der Reis hier anders gebacken. Das für mich Wichtigste an dem Reis ist eine gute Portion Sambal-Chilli, eine mit Krabbenfleischpaste zubereitete, äußerst schmackhafte Zugabe zum Reis.

Ein anderer Renner für mich ist Laksa, eine Chinesisch-Malayische Reisnudelsuppe mit unterschiedlichen Zutaten. Laksa gibt es in etwa 137 unterschiedlichen Varianten; dabei sind auch einige mit Fischköpfen oder Hühnerfüssen oder anderen Einlagen, bei deren Anblick sich meine und Deine Fußnägel rollen. Mein Lieblingslaksa kommt aus Penang in Malaysia und hat jede Menge Kokosmilch als Grundlage, darin viel Reisnudeln und Gemüse wie Bambussprossen, oder auch Obst wie Ananas. Als Zugabe dient eine sehr feine Fischfleischpaste. Der Vorteil der Fischfleischpaste ist, dass darin keine Gräten vorkommen.

Das ist Singapur. In anderen Teilen Asiens gibt es andere Sitten. So hatte ich vor acht Jahren das Vergnügen, für RTC im Süden China’s zu arbeiten. RTC ist so etwas wie das chinesische Panasonic. Die stellen von der elektrischen Zahnbürste, über Handys, Fernseher und PCs bis zur Klimaanlage alles her. An einem der ersten Abende hatte ich die Ehre, beim Essen neben dem zweiten Mann im Unternehmen am Tisch zu sitzen. Nun ist es eine noch größere Ehre, wenn Dein Tischnachbar Dir ausgewählte Speisen auf den Teller packt. Das tat er dann auch: sehr delikate, auf spezielle Art zubereitete – und sicher auch teure – Hühnerfüsse, Seegurken mit der gummiartigen Struktur eines verbrauchten Benzinschlauchs und sehr fein ausgewählte Schweinsinnereien landeten auf meinem Teller. Nachdem mein Gehirn die Wahrscheinlichkeit des Abbruchs unserer Geschäftsbeziehung im Falle des Zurückweisens der Köstlichkeiten berechnet hatte, begann mein Mundwerk mit der Arbeit. Der gute Mann wusste nicht, dass ich schon als Kind immer einen Grund für eine Verspätung auf dem eigentlich sehr kurzen Weg von der Schule nach Hause gesucht hatte, wenn Omas Hühner-Innereiensuppe in Aussicht stand. Auch hatte ich keine Chance, die Tricks von Mr Bean anzuwenden; der Mann hatte keine Handtasche und Vasen oder Zuckerbehälter waren auch nicht in Sicht. Also – Augen zu – Mund auf und durch.

Von Zeit zu Zeit muss man sich ins Gedächtnis zurückrufen, wer als Gast in einer anderen Kultur herzlich willkommen ist. In einer Kultur, die schon hochtechnisiert war und die Große Mauer bauen konnte, als die Europäer noch die Coladosen mit dem Stein geöffnet haben. Und in einem Land, das tagtäglich 1,5 Milliarden Menschen füttert und keiner hungert.

Vor einigen Jahren konnte ich auf einer Reise nach Taipei feststellen, dass die oben genannten Speisen immer noch zu den gemäßigten gehören. Auf dem Taipei-Nachtmarkt wurde vor meinen Augen eine etwa meterlange, dunkelbraune Schlange mit dem Kopf in eine Klammer gesteckt, um den Giftbiss zu verhindern, und dann am Schwanz in Kopfhöhe der umstehenden Chinesen aufgehängt. Dann wurde der lebenden Schlange das Herz herausgeschnitten und – noch pumpend – in ein Glas mit gutem chinesischen Maotai gesteckt. Das Glas ging für viel Geld an einen der drängelnden Chinesen, der es sofort mit Genuss herunter kippte. Diese und viele andere orientalische „Köstlichkeiten“ werden dem Manne zur Stärkung gereicht. Mir sind diese Dinge daher eher nicht geläufig.

Nun kannst Du über das schaurige Vorgehen der Chinesen lamentieren. Allerdings sind die Asiaten ähnlich angeekelt bei der Vorstellung des langsamen und daher viel grauenhafteren Tötens von Stieren in der südeuropäischen Arena. Auch die Vorstellung eines deutschen Hasenbratens löst in Singapur nicht gerade Entzücken aus.

Wenn Du also nach Singapur kommen solltest, hätten wir schon etwas zu Essen für Dich. Es hängt nicht mit dem Schwanz nach oben am Eingang des Restaurants, und ist in der Regel schon tot, wenn es auf dem Teller erscheint, hat meist keine Knochen oder Gräten und kann sehr schmackhaft sein. Wenn Du allerdings Muttis Linsensuppe erwartest, wirst Du sicher bitter enttäuscht wieder nach Hause fliegen.

Bis bald,

Uwe

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