In meinem Hotel in Hong Kong angekommen richte ich mich häuslich ein und bereite mich auf eine Woche Arbeit mit meinen Kunden vor. Die sind für das Seminar zum großen Teil aus dem nahen China nach Hong Kong gekommen und nutzen die Gelegenheit, um wieder einmal „auszubrechen“ aus dem normalen chinesischen Leben. Obwohl Hong Kong seit 1997 zu China gehört, ist es noch immer eine andere Welt. Für mich ist es eine der faszinierendsten Städte mit sehr netten Menschen.

Auf dem Weg nach Hong Kong müssen die Chinesen die sogenannten New Territories, die Neuen Gebiete, passieren. Da befinden sich einige Grenzpunkte. Die neuen Gebiete wurden etwa 1900 von den Chinesen an die Briten verpachtet, da das eigentliche, britische Hong Kong etwas zu eng geworden war. Die Pacht für diese Gebiete lief um 1997 ab. Die Briten hatten sicher erkannt, dass sie Hong Kong ohne die New Territories nicht halten können und mussten wohl oder übel alles abgeben, das ursprüngliche Hong Kong und die Neuen Gebiete. (Wären die Indianer vor 500 Jahren schlauer gewesen, hätten sie einen ähnlichen Vertrag mit den Europäern abgeschlossen, hätten sich die USA aufbauen lassen und wären jetzt die Herren im eigenen Land.)

Den noch existierenden Grenzübergang von Hong Kong nach China habe ich schon so oft nutzen müssen, dass es zur reinen Routine geworden ist. Ich warte darauf, dass der Einreisebeamte mich mit „Guten Morgen, Uwe“ begrüßt. Die Grenzpunkte sind entweder per Schiff, per Bus, per Bahn oder zu Fuß zu passieren. Alles sehr einfach und meist angenehm. Die beste Lösung ist es, in Hong Kong mit dem Flieger zu landen aber nicht nach Hong Kong einzureisen, sondern direkt am Flughafen das Turbo-Fährschiff nach China zu nehmen. Dabei hat man die Vorzüge eines gigantischen Flughafens aber nicht dessen Nachteile wie lange Wartezeiten bei der Einreise. Direkt nach China zu Fliegen geht nicht immer, da in Shenzhen weniger Flieger landen als in Hong Kong. Das ist etwa wie der Vergleich der Flughäfen von Frankfurt/Main und Gera.

Nach meiner Ankunft im Hotel in Wan Chai auf Hong Kong mache ich mich wie immer auf den Weg durch die sehr interessanten Straßen und – noch viel besser – Gassen der Insel. Bei jedem Trip entdecke ich etwas Neues. Da ist beispielsweise die unendliche Vielfalt an Essbarem. Das beginnt beim Huhn, das vor deinen Augen geschlachtet, zerlegt und verkauft wird. Das geht weiter mit exzellenter Pekingente, den unterschiedlichsten „Meeresfrüchten“ wie zum Beispiel Tintenfischen in allen Größen, Schrimps, Seegurken usw. Diese „Leckereien“ sind meist am Spies gebraten. Natürlich kann man auch gebratene Seidenwürmer (Larven) essen. Die sind nicht aus Seide, sondern das sind die, die die Seide herstellen – bevor sie gegessen werden.

Auch gibt es allerhand Käfer, die auch essbar sein sollen. Die meisten dieser Speisen habe ich noch nicht probiert. Schlangen sind hier geschützt und werden daher offiziell nicht angeboten. Mittlerweile gibt es eine wachsende Minderheit Hong Konger, die Haifischflossen, Tigerpenis und ähnliches wegen des Tierschutzes meiden. Die Haifischflossen hatte ich auch schon, ohne es zu wissen. Ein Kunde hatte dafür tief in die Tasche gegriffen. In der Vergangenheit wurde auch Affenhirn gegessen, was jetzt offiziell nicht mehr passiert. Das Besondere daran ist, dass das etwa wie in dem Video „Hannibal“ vollzogen wurde: Dem lebenden Affen wurde der Kopf aufgesägt und in einen Tisch mit einem runden Loch eingespannt, so dass die Gäste das Hirn löffeln konnten.

Ich interessiere mich für diese Speisen nur mit der Kamera. Allerdings gibt es in diesen Gassen auch andere Artikel. Beispielsweise hatte ich mir in einem dieser kleinen Shops eine Canon-Kamera gekauft, die mich dann für mehr als zehn Jahre nicht im Stich ließ. Sie war in Hong Kong billiger als in Japan – wo sie hergestellt wird. Aber das haben wir ja auch in Europa. Ein in Deutschland hergestelltes und exportiertes Auto wird nach dem Wiederimport billiger. Sehr interessante Ökonomie.

Nachdem ich mich mit dem Englisch meiner Kunden und meine Kunden sich mit dem Englisch des Langnasen vertraut gemacht haben, verläuft die Woche sehr angenehm. Der Seminarraum befindet sich in meinem Hotel, was das Leben für mich sehr viel leichter macht, denn es ist keine Freude, sich am Morgen oder Abend durch Hong Kong bewegen zu müssen. Es sind zu viele mit etwa dem gleichen Ziel auf den Beinen. Und obwohl Hong Konger in der Regel wesentlich kürzere Beine haben, bewegen sich fast alle viel schneller als ich. Das ist besonders deshalb verwunderlich, da ich eigentlich ziemlich rasch auf den Beinen bin. Aber in der U-Bahn ist der Durchschnitts-Hong-Konger nicht zu schlagen. Auch wenn ich annehme, an der U-Bahn-Haltestelle ganz vorne an der Tür zu stehen und damit einen Vorteil zu haben, bin ich meist der Letzte der einsteigt. Nun denke ich, das macht mich beim Aussteigen zum Gewinner. Eben nicht. Alle sind schneller als ich. Irgendwie.

Am Donnerstagabend verabschieden sich die meisten besonders freundlich und wünschen mir ein gutes Wochenende und einen sicheren Flug. Ja, was? Wie? Wir haben doch noch den Freitag, oder etwa nicht. James, ein Manager aus einem Betrieb in Shenzhen erklärt mir die Sache. „Wahrscheinlich haben wir keinen Freitag, da ein Taifun geradewegs auf dem Weg nach Hong Kong ist und Morgenvormittag gegen zehn eintreffen wird. Mach Dir keine Sorgen, das ist in Hong Kong kein Problem. Das passiert jedes Jahr um diese Zeit.“ Ich wollte noch fragen, ob der Taifun seinen eigenen Reiseplan auch kennt, habe es aber dann gelassen. So, so. Morgen früh um zehn ist also Taifun. Interessant.

Die Sache macht mich doch etwas nervös. Da bin ich aber der Einzige; die Kollegen sind kein bisschen aufgeregt. Haben die Leute alle schon mit dem Leben abgeschlossen oder ist der Taifun kein richtiger Taifun. Etwas erregt frage im Hotel nach, was es da zu beachten gibt. Die sagen das gleiche. „Ach so, wegen des Taifuns müssen Sie sich keine Sorgen machen. Wir haben alles im Griff.“ Also nehme ich einfach an, dass ein Taifun keine große Sache ist. Irgendwie habe ich aber Bilder in Erinnerung, die das nahegelegene Perlflussdelta nach einem Taifun zeigen. Diese Bilder sahen nicht nach „Alles im Griff“ aus. Der Taifun war derjenige, der da alles im Griff hatte.

Am nächsten Morgen gehe ich zur Sicherheit in meinen Seminarraum und warte auf meine Teilnehmer. Von meinem Zimmer aus habe ich gegen acht noch nichts von einem Taifun sehen können. Es sieht nach einem ganz normalen Tag aus. Vielleicht hat ja der Taifun während seiner Praktikumszeit bei der Bahn gearbeitet. Dann wäre es wahrscheinlich, dass er später kommt oder vielleicht auch gar nicht. Nach einer knappen Stunde ohne einen Teilnehmer im Raum nehme ich doch an, dass der Tag nicht ganz normal ist. Als ich mir bereits überlege, ob ich meinen letzten Willen hinterlegt habe und wie ich meine Familie noch ein letztes Mal anrufen kann, kommt ein Hotelangestellter in den Raum, lächelt mich an und erklärt, dass ich wahrscheinlich die Pausenhäppchen alleine essen muss. Es wird definitiv kein Teilnehmer kommen, da Hong Kong abgeriegelt ist. Jetzt bin ich doch ziemlich beunruhigt.

Da sich mein Seminarraum ohne Fenster im Inneren Teil des Hotels befindet, kann ich nicht sehen, was draußen vorgeht. Als ich gegen zehn Uhr in die Lobby gehe, hat sich das Bild total verändert. Es ist sehr dunkel. Draußen kann man weder die normalerweise sichtbaren Bauten noch das Hafenbecken sehen. Die Sicht beträgt nur wenige Meter. Da ist nur Wasser über Wasser, das mit fürchterlicher Geschwindigkeit gegen die riesigen Hotelfenster drückt. Unweigerlich verziehe ich mich auf eine Treppe für den Fall, dass die Fenster brechen sollten. Die Ausgänge sind verriegelt und mit Sandsäcken gesichert, jede Ritze ist mit Stoff abgedichtet, so dass der Taifun im Inneren des Hotels fast nicht spürbar ist.

Irgendwie sind die starken Druckunterschiede zwischen den Böen  des Taifuns im Bauch zu fühlen. Danach zu urteilen sind die mehrere Meter hohen Fenster einem gigantischen Druck ausgesetzt. Trotzdem gehen die Menschen um mich herum ihrem Job nach. Nach denen zu urteilen, ist da nichts. Nichts Besonderes jedenfalls. Nur ein paar Europäer oder Amerikaner sind ebenso verängstigt wie ich und schauen sich das Schauspiel an. Einige von denen haben einen Vorteil: die bläst so einfach nichts weg. Ich weiß nicht, wie wir diese Situation ohne Bruce Willis meistern werden, der im letzten Moment die Welt retten könnte.

Von meinem Raum aus sollte ich einen Überblick haben. Also gehe ich nach oben. Fehlanzeige. Der Raum, der normalerweise einen tollen Überblick über den Hafen bietet, ist ziemlich finster. Aus dem Fenster sieht man absolut nichts. Nur Wasser über Wasser und ein paar Schatten dahinter. Also zurück in die Lobby. Das scheint sicherer.

Als die Sicht etwas zunimmt, kann ich Netze erkennen, die vom Boden bis in mehrere Meter Höhe in einiger Entfernung zeltartig rund um das Hotel gespannt sind. Nun kann ich mir nicht vorstellen, dass man Wassermassen mit Netzen fernhalten will. Also frage ich nach. Ein Angestellter an der Rezeption erklärt mir, während er seelenruhig weiter an seinem Kram arbeitet: „Bei einem Taifun fliegen in der Regel Gegenstände, besonders Bäume umher, die unsere Scheiben zerstören könnten. Zum Schutz spannen wir die Netze wie jedes andere Gebäude auch.“ Irgendwie hat der Hotelangestellte den freundlich lächelnden Blöde-Frage-das-weiß-doch-jeder-Blick.

Nachdem der Taifun sehr planmäßig ein paar Stunden später Hong Kong Richtung China verlassen hat und unser Hotel die Türen nach dem Entfernen der Sandsäcke für Gäste wieder öffnet, schaue ich mir das Ergebnis genauer an. Die Straßen sind noch voll gesperrt, Busse, Bahnen, Taxis bewegen sich noch nicht. Auch private Autos sind noch für einige Zeit verbannt, da erst die quer über die Straßen verstreuten Gegenstände entfernt werden müssen. Nicht nur Bäume, sondern auch Teile von Dächern und Buden sowie kleinere Boote haben dem Taifun nicht vollständig getrotzt und werden aus dem Weg geräumt. Die Schäden sind jedoch minimal. Auch im Netz vor unserem Hotel hängt ein Baum. Es scheint, als ob die alljährlichen Taifuns so fest in die Verhaltensweisen der Hong Konger eingeprägt wären, dass schon etwas Größeres kommen muss, um jemanden nervös zu machen.

Am Nachmittag des gleichen Tages scheint die Sonne, die Straßen sind trocken und die Aufräumarbeiten soweit ich sehen kann erledigt. Das Hotel und alles andere in Hong Kong sehen aus, als wäre nichts passiert. Alle Hong Konger gehen ihren Geschäften nach und rennen wie zuvor zur U-Bahn. Es gibt kein Anzeichen für die eben durchlebte Naturkatastrophe. Wenn man perfekt vorbereitet ist, wird das Naturereignis eben nicht zur Katastrophe.

Das Beste aber ist, dass ich vor, während und nach dem Taifun keine einzige Klage gehört habe. Keine Seele hat sich darüber beschwert, dass das eigentlich geplante und auch bezahlte Seminar nicht besucht werden kann, dass ein geplanter Flug nicht pünktlich geht oder dass irgendjemand an irgendetwas gehindert worden ist. Ich kenne eigentlich nur wenige Deutsche, die nicht irgendeine sinnlose Beschwerde über andere meist Unschuldige und ebenso Betroffene ergossen hätten. Und im Zweifelsfall muss auch mal Merkel dafür herhalten, dass Dinge nicht so funktionieren wie gedacht.

Daher ist der Hong Konger für mich das Musterbeispiel an Effizienz, praktischer Orientierung und Überlebensfähigkeiten. Der Hong Konger hat ein System genialer Planung und Vorbereitung für fast alles und effiziente Prozesse für den nicht planbaren Rest. Jeder weiß, dass eine Klage niemandem hilft, sondern nur vom eigentlich Wichtigen ablenkt und dabei noch die gute Stimmung vermiest, die in solchen Situationen gebraucht wird.

 

Bei Interesse, schick einfach eine Mail an uk@uk-online.de. Danke. UK

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