Wenn Du in der westlichen Welt krank bist, gehst Du zum Arzt. Wenn Du in der Chinesischen Welt gesund bist, gehst Du auch zum Arzt, zum Traditionellen Chinesischen Mediziner, dem TCM. Als meine Lieblingsfreundin vor einigen Jahren den Besuch des TCM vorschlug, war mir nicht ganz klar, was ich da solle, da ich bei mir keine Erkrankung erkennen konnte. Die Antwort auf meine Frage war „Maintenance“. Das heisst soviel wie Instandhaltung und meint wahrscheinlich die Aufrechterhaltung meiner biologischen Grundfunktionen. Da ich fuer gewoehnlich ihren Anweisungen Folge leiste und ich nicht genau wusste, mit welchen meiner Grundfunktionen sie unzufrieden war, schlugen wir kurz danach beim TCM auf.

Der TCM ist eine Dame, die for etlichen Jahren ihren Siebzigsten gefeiert haben musste. Das Gespraech ist wie immer sehr leicht, da sie kein Englisch drauf hat und ich kein Chinesisch verstehe. Jeder TCM schaut Dir in die Augen, dann auf die Zunge und greift dann eine Hand nach der anderen, um mit drei Fingern Deinen Koerper zu untersuchen. Ein Finger liegt dabei am Puls, waehrend die beiden anderen Finger weiteren Funktionen nachgehen, die ich nicht definieren kann. Nach einer gefuehlten Ewigkeit und dem mehrmaligen Verschieben der Finger um einige Mikrometer erklaert sie mir, dass ich schon mal Kopfschmerzen bekomme. Das stimmt, trifft aber bestimmt auf die Haelfte der Erdbevoelkerung zu. Also ein billiger Treffer. Als sie dann Amy erlaeutert, dass sie in der Vergangenheit ein chronisches Magenproblem hatte, werde ich nachdenklich. Wie bekommt man das durch Auflegen von drei Fingern heraus? Toll. Ich bekomme Angst davor, dass sie die ganze Hand benutzt und andere meiner Geheimnisse offenlegt. Das macht sie jedoch nicht. Sie verschreibt uns unheimlich gute Chinesische Medizin und laesst uns gehen.

Die Medizin muss unheimlich gut gewesen sein, da sie unglaublich schlecht geschmeckt hat.

Am Sonntag letzter Woche war wieder einmal TCM-Zeit. Meine Frage nach dem Grund habe ich mir verbissen. Das Ganze tut nicht weh, hilft vielleicht in irgendeiner schleierhaften Art und Weise und ist ein sicherer Weg, etwas Geld auszugeben. Also machen wir uns auf den Weg zur Grosstante von Konfuzius. Beim Eintreffen an der Rezeption werden wir ueberrascht: Die steinalte Dame sei nicht mehr da. An ihrer Stelle gaebe es die junge Miss Chew. Wir willigen ein und treffen eine wirklich junge – nach dem Zertifikat an der Wand genau 30 Jahre alte – bildhuebsche Chinesin, die uns auch noch in bestem Englisch empfaengt. Im Verlaufe des Gespraechs macht sie sich oft Notizen. Waehrend die Grosstante von Konfuzius die Notizen noch auf alte Karteikarten geschrieben hat, sitzt Miss Chew am Computer. Allerdings laeuft alles am Computer in Chinesisch. Auf dem Zertifikat sehen wir, dass sie in Peking studiert hat. Gut.

Nachdem sie Amy „behandelt“ hat, komme ich dran. Sie greift meine Pranken mit schoenen, kleinen Haenden, legt ihre Modellfinger auf meinen Puls und schaut mir in die Augen. Mit der Frage nach meiner Zunge unterbricht sie meine Gedankengaenge abrupt. Sie sagt mir, dass mein Chi (gesprochen Tchi) etwas niedrig sei. Bisher wusste ich gar nicht, dass ich ein Chi habe. Daher haut es mich auch nicht aus den Socken, wenn ich gesagt bekomme, dass mein Chi nicht in Ordnung sei. Soweit sie erklaert, hat es etwas mit der Energie im Koerper zu tun. Ich denke fuer mich, dass der menschliche Koerper bei den Temperaturen auf dem Aequator eigentlich immer auf kleiner Flamme brennt. Ich sag es aber besser nicht. Sicher meint sie etwas anderes.

Zu Hause packen wir die Traditionelle Chinesische Medizin aus, loesen das Pulver in Wasser auf und versuchen einen Schluck. Eigentlich habe ich gewusst, dass das Zeug scheisse schmeckt. Aber dieses Mal ist es noch wesentlich unangenehmer, das Glas zu leeren. Die Zutaten sind sicher wieder eine lange Liste von Dingen, die ein normaler Mensch eigentlich nicht isst. Getrockneter Tigerpenis ist aus Artenschutzgruenden bestimmt nicht mehr dabei, dafuer aber die Wimper der gemeinen Hausratte, die gedoerrten Eingeweihde von Hochlandhuehnern, die gemahlenen Hinterbeine der Vogelspinne oder die in Rinderblut eingelegte Schwanzspitze eines Geckos. Wir wissen es nicht.

Auf jeden Fall fuehle ich mich jetzt wesentlich besser – in irgendeiner Weise.

 

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