Letztes Wochenende waren wir bei “alten” Freunden zum Abendessen eingeladen. Wir gehen da eigentlich sehr gerne hin, da sowohl Nidhi, als auch Shireesh unheimlich nett und gastfreundlich sind. Allerdings gehören beide zum militanten Flügel der Vegetarier. Sie kommen aus Nordindien – irgendwo in der Nähe von Delhi. Genau kenne ich die Definition dieser Art Vegetarier nicht. Ich kann mich aber erinnern, dass sie absolut gar nichts essen, was schon mal mit einem Tier zu tun hatte. Also ist nicht nur rotes Fleisch verboten, sondern auch Fisch, Hühnchen und sogar das Ei der Henne. Das Essen ist trotzdem immer super köstlich – was auch immer es ist.

Nur wissen wir nie, was wir bei einer Einladung in unserem Hause kredenzen können. So bringen wir sie jedes Mal in ein vegetarisches Restaurant. Das Gute ist, dass ich mit meiner undiplomatischen Art bei Nidhi und Shireesh nicht in Fettnäpfchen treten kann. Die sind ja auch verboten.

Beim Eintreffen werden wir von deren Sohn Rish empfangen. Er spricht Amy in bestem Chinesisch an. (Nochmal: er ist Singapore-Inder.) Bei mir versucht er es nicht. Glück gehabt.
Im Laufe des Abends haben wir noch ein paar Mal die Gelegenheit, uns über Rish zu wundern. Er stellt uns seine Autos vor. “Das ist ein BMW, das ist ein Audi und das ist ein Mercedes.” Klasse geübt, denke ich. Ein bisschen was für den Deutschen Besucher gepaukt. Na toll.

Da wir Rish kennen, haben wir ihm auch ein Auto mitgebracht. Nun der Test. “Rish, was ist das denn für ein Wagen?”
Rish überlegt nicht lange und antwortet “Das ist ein Volkswagen.”
Da ich in seiner Sammlung keinen Volkswagen gesehen habe, frag ich nach, woher er das denn wisse.
Rish antwortet “Das ist ein V und das ist ein W”, wobei er auf das Logo deutet.
Nun fragen wir etwas nachdenklich die Eltern “Kann Rish denn schon lesen?”

„Er kennt alle Buchstaben und kann ein bisschen lesen, aber nur English“, sagt Nidhi sehr bescheiden. „Im Chinesischen kennt er nur ganz wenige Worte“ erklärt seine Mutter. „Er geht in eine normale staatliche Schule – so werden Kindergärten in Singapore genannt – und hat dort fast alles in Englisch. Nur ein paar Stunden die Woche gibt es in Chinesisch.“ Amy ist weniger verwundert, als ich das bin. Amy kennt das System in Singapore und weiss, dass Derartiges eher normal ist. Ich bin ziemlich überrascht.

Rish ist drei!

Leider kann ich mich nicht mehr genau erinnern, was ich mit drei gemacht habe. Sehr genau weiss ich, dass da keine Schule war, dass ich nicht lesen und sicher auch nicht in einer anderen Sprache kommunizieren konnte. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich mit drei eh sehr wenig kommuniziert.
Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob ich derartige Behandlung der Kinder gut finden soll. Als Deutscher bist Du geneigt, diese Art der frühen Entwicklung abzulehnen. Wenn aber dann Deine Kinder auf die Uni gehen und mit denen aus Asien in Wettbewerb treten müssen, merkst Du schon, warum jetzt Microsoft von einem Inder geleitet wird. Auch die Deutsche Bank hat einen Boss aus Asien.

Die PISA-Ergebnisse von 2012 zeigen das Resultat der eben beschriebenen Entwicklung: in Mathematik stehen China einschließlich Taiwan, Macao und Hong Kong, Singapore, Korea und Japan an der Spitze, während Deutschland an 16. Stelle oder so rumdümpelt. So gesehen werden in 30 Jahren unsere Autos in Shanghai entworfen werden, während die Fertigung wieder zurück in den Ruhrpott kommen wird. Die USA sehen auch sehr blass aus in diesem Vergleich. George W Bush scheint representativ für die US-Amerikaner zu sein.

Das ist erschreckend. Andererseits ist es wenig verwunderlich, da Du dort mit ein paar guten Würfen im Basketball deinen Doktor machen kannst. PISA hat auch die ökonomische Leistungsfähigkeit der Länder mit der der Ausbildung der Jugendlichen verglichen. Die ökonomische Leistungsfähigkeit ist dort hoch, wo die Jugendlichen vernünftig ausgebildet sind. Frankreich, Portugal, Griechenland etc. sehen auf der Skala recht alt aus. Nun ist mir nicht ganz klar, ob Kinder durchhängen, weil sie mit leeren Mägen in der Schule sitzen müssen. Oder ist es doch eher so, dass das Konto abgebrannt ist, weil die Eltern in der Schule Knalltüten als Lehrer hatten.

Interessant ist auch die Tatsache, dass in Peru die Schüler am glücklichsten sind. Sicher liegt das daran, dass die sich nicht mit unötigem Ballast an Wissen herum schleppen müssen. Peru ist letzter in Mathematik. Aber Vorsicht! Auch in dieser Disziplin ist Singapore 38 Plätze vor Deutschland.
Daraus lässt sich schlussfolgern, dass exzellent ausgebildete Schüler nicht zwangsläufig unglücklich sein müssen, auch wenn Sie schon mit drei Jahren schreiben und in mehreren Sprachen kommunizieren können.

Da fällt mir noch ein: Unser kleiner Freund Rish ist Inder, so dass er mit Sicherheit auch noch Tamil, die Sprache seiner Großeltern spricht.

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