Klischee 1: Diebstahl ist nur in Asien angesagt

Widerlegt. Wenn Du herausfinden moechtest, ob es Taschendiebstahl auch in Europa gibt, musst Du nur eine groessere Kamera für etwa sieben Sekunden unbeobachtet lassen. Mit etwas Glueck kannst Du das Klischee von hoeherer Kriminalitaet in Asien zumindest ankratzen. Bei unserem Selbstversuch im Faehrenterminal in Lissabon legen wir unsere ausgewachsene Canon auf einen Stuhl neben uns. Es passiert nichts. Wir warten und warten und … warten. Dabei nehmen wir unser Mittagessen ein und wirken beschaeftigt. Trotzdem nichts.

Nach einer Weile beschliessen wir, Stufe II einzuleiten. Das heisst, Amy macht sich auf den Weg zur Toilette, so dass nur noch zwei Augen im Spiel sind, die sich von Zeit zu Zeit der Kamera in etwa 40 Zentimeter Entfernung zuwenden. Immer noch nichts.

Danach gehe ich zu Stufe III ueber und beginne, unseren Tisch abzuraeumen, wobei ich das Geschirr etwa drei Meter entfernt von unserem Tisch auf dem Wagen abstelle. Dazu drehe ich der Kamera fuer etwa sieben Sekunden den Ruecken zu. In diesen sieben Sekunden zaubert irgendein Juenger von David Copperfield die Kamera von meinem Stuhl in Lissabon auf seine Buehne in Las Vegas – oder so. Jedenfalls ist sie weg. Spurlos verschwunden. Der Trick ist nicht schlecht, da die ueberall herumsitzenden Reisenden von all dem nichts mitbekommen haben. Absolut nichts.

Klischee 2: Polizisten sind trockene, unfreundliche Typen

Widerlegt. Beklaut zu werden ist nirgends angenehmer als in Lissabon. In Kuala Lumpur wurde ich vor mehr als zehn Jahren von unausgeschlafenen, total ueberarbeiteten Polizisten befragt, die mir schon beim Eintreffen in der Polizeistation das Gefuehl von absoluter Aussichtslosigkeit vermittelt hatten. Auch bei meiner zweiten Erfahrung in Hong Kong wurde ich von Typen behandelt, die mir in keiner Weise Optimismus eingefloest hatten.

Anders in Lissabon. Beim Ansprechen der Sicherheitsleute zeigen die uns freundlich und stolz die in der Station installierten Kameras. Allerdings muessen wir zuerst zur Polizeistation, um die Genehmigung fuer den Zugriff einzuholen. Das ist verstaendlich. Schliesslich sind wir in Portugal und nicht in den USA, wo jeder von seinem Heimcomputer in das FBI einhacken kann. Auf dem Weg zur Polizeistation treffen wir auf Polizisten, die uns sehr freundlich ins Auto einladen – mein erster Trip im Polizeiwagen – und zur Touristenpolizei bringen.

Mordkommission faengt Moerder, Touristenpolizei faengt Touristen? Diese Annahme scheint falsch. Hier werden in Wirklichkeit Touristen ruhig gestellt, die Verbrechen zum Opfer gefallen sind. Und es wirkt. Bei unserem Eintreffen sitzt da schon eine weinende, junge Dame, der offensichtlich allerlei nutzloser elektronischer Kleinkram abgenommen worden ist. Beim Verlassen der Polizeistation laechelt sie schon wieder. Ein anderer Touristenpolizist beschaeftigt sich mit drei jungen deutschen Herren, denen Rucksaecke mit allen Dokumenten, iPad, iPhone etc. geklaut worden sind. Unverstaendlicherweise sind die Deutschen sehr aufgebracht. Ein dritter Beamter nimmt die Daten eines jungen Asiaten auf, der sich nun nicht mehr mit der Rueckgabe seines Mietwagens herumschlagen muss.

Sehr freundlich bitten uns die Polizisten, doch eine Weile zu warten und zeigen uns schon einmal die Toilette. Eine Weile ist in Lissabon irgendwie zwischen einer Stunde und neunzig Minuten angesiedelt.

Die Touristenpolizeistation in Lissabon ist strategisch sehr offen angelegt, um den Erfahrungsaustausch zwischen den betroffenen Touristen zu foerdern und damit zukuenftiger Kriminalitaet entgegenzuwirken. Ausserdem koennten wir leicht die Jack Wolfskin Rucksaecke der Deutschen oder den silbernen Renault des Asiaten identifizieren und damit zur Aufklaerung der Verbrechen beitragen. Zuviel Geheimniskraemerei ist oftmals von Nachteil.

Klischee  3: Als Opfer eines Verbrechens fühlst Du Dich scheisse

Widerlegt. Bis zu unserem erfolgreich verlaufenen Selbstversuch habe ich mich mit allerlei Gepaeck herumzuplagen. Zuerst ist da die Kamera, die mit Objektiv irgendetwas gegen zwei Kilogramm auf die Waage bringt und absolut immer, wirklich immer stoert. Dazu gibt es noch eine Telelinse, die meinen Rucksack zum Monster werden laesst. Dann gibt es Kleinigkeiten wie Ladegeraet, Extra-Batterie, Extra-Speicher und manchmal ein Laufwerk, um die Bilder aufzunehmen. All das hinterlaesst ein beachtliches Gewicht und auch Volumen. Hast Du schon einmal versucht, diesen Kram durch Tibet zu schleppen? Viel Spass.

Nach unserem Selbstversuch ist das Leben angenehmer. Beim Laufen in Lissabon ohne Kamera bin ich quasi am Fliegen, da mich keine Kamera am Boden haelt. Beim Essen muss ich nicht einen extra Stuhl fuer die Kamera bestellen. Ausserdem muss ich nicht jeden Abend Bilder ueberspielen und die Batterie laden. Viel besser: ich kann mir jetzt zusaetzliche Unterhosen kaufen, ohne fuer Uebergepaeck zahlen zu muessen.

Das Beste aber ist: Ich kann meine Kamera nicht verlieren. Sie ist ja schon weg.

 

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