Medan liegt im Norden der sechstgrößten Insel dieser Erde, der indonesischen Insel Sumatra, auf der es noch Elefanten, Nashörner, Tiger und Menschenfresser gibt. Bevor Du jedoch die Insel betreten kannst, musst Du durch die Grenzkontrollen. Da Indonesien vor ein paar Jahren eine Art Zutrittsgebühr zum Land eingeführt hat, musst Du an der Flughafengrenze ein Visa on Arrival erwerben. Eigentlich sollte es keine Warterei geben, da der Flughafen mit der Größe des Gorndorfer Dorfplatzes in seinem Leben nicht zu viele Flugzeuge sieht. Trotzdem ist Warten angesagt. Wieso?

Vom Flieger kommend gehe ich direkt zum Schild ‘Visa on Arrival’. Der erste Schalter ist der Bankschalter. Dahinter sitzt ein ‘Bankbeamter’, der die Kohle kassiert, dafür eine zweiteilige Quittung ausstellt und sie in den Pass legt. Er sitzt in so etwas wie einem Schneidersitz und bearbeitet seinen Computer mit einer Hand, während die andere Hand an seinen nackten Füßen knubbelt. Von Zeit zu Zeit kommt seine Hand auf den Tisch und hilft der anderen beim Bearbeiten meines Passes. Ich wünschte mir, die eine Hand könnte den Job allein machen. Außerdem stelle ich mir gerade meinen Bänker in Leverkusen vor, wie er barfuß hinter seinem Schalter sitzt und Kunden berät. Geht nicht. Die deutschen Bänker schlafen sogar in schwarzen Socken und Krawatte. Ob sie die zum Sex ablegen? Das ist fraglich.

Nachdem ich meinen Pass wieder zurückbekommen habe, versuche ich, ihn nicht an der Stelle anzufassen, an der gerade die falsche Hand gearbeitet hat. Immerhin lächelt er freundlich, als ich mich in Bahasa bedanke. Inzwischen hat sich bei seinem Kollegen nebenan eine Schlange gebildet. Das ist noch nicht der letzte Schritt. Danach kommt erst die eigentliche Grenze, dann Gepäck und das war’s. Vor mir stehen fünf Personen, die auf ihr Visum Warten. Zeit genug also, den nicht mehr ganz jungen Mann zu beobachten.

Er trägt ein Hemd der Kategorie Nein-das-müssen-wir-auch-heute-noch-nicht-waschen. Das hat einen Vorteil: neben den vielen Flecken fällt die einzige unbefleckte Stelle kaum auf. Die Krawatte hat er zu Hause vergessen, wie jeden Tag seit 27 Jahren. Sein Job ist eigentlich sehr einfach: Fingerabdrücke nehmen, Pass scannen, Visa einkleben und einen Bon dafür herausgeben. In Bintan machen die das in etwa 38 Sekunden. Er leidet sichtlich nicht unter Zeitnot. Er vermittelt den Eindruck, als ob er vor der nächsten Eiszeit keinen wichtigen Termin hätte. Auch hat sich unter seinem Hemd offenbar schon eine Art Fauna entwickelt, in der er mit irgendwelchen Kleintieren harmonisch zusammenlebt. Fast nach jeder Tätigkeit an einem Pass greift er sich ans Hemd und reibt darauf herum. Wahrscheinlich ist die Rollenverteilung in der Symbiose noch nicht ganz klar.

Als er den Pass meines Vordermannes bearbeitet, hält er inmitten seiner Arbeit inne, knöpft sich das Hemd auf, schiebt seine Hand seeehr weit in die Kragenöffnung und kratzt wie ein Besessener. Nachdem er vor den Augen der ausländischen Reisenden, von denen viele das erste Mal nach Indonesien gekommen sind, so etwas wie einen Mikroorgasmus erlebt hat, geht er – etwas zu freundlich dreinblickend – wieder an die Passbearbeitung.

Als ich an der Reihe bin, mache ich mir die falsche Hoffnung, dass alle Ungereimtheiten zwischen ihm und seinem Kleinzoo ausgeräumt sein sollten. Mitnichten. Wahrscheinlich hat sich eines der Gasttiere auf dem Rückenfell des Grenzbeamten etwas gestört gefühlt und ist daher ins Ohr gestiegen, wo es sicher eine reiche Nahrungsgrundlage vorgefunden hat. Der Grenzbeamte mag das aber nicht. Er lässt meinen Pass aus seiner rechten Hand rutschen, rammt seinen kleinen Finger bis zum Anschlag ins Ohr und dreht ein paar Mal hin und zurück, wobei sich sein rechtes Auge gleichzeitig leicht schließt und der rechte Mundwinkel nach oben wandert. Nachdem er seinen Finger wieder an die Luft befördert hat, betrachtet er ihn und ist mit seinem Ergebnis sichtlich zufrieden. Da das Tempo noch nicht erfunden wurde, reibt er seinen Finger an der Hose, bevor er wieder meinen Pass betrachtet.

Nach einer Weile bekomme auch ich meinen Pass zurück und kann einreisen, wobei ich das gute Gefühl mitnehme, dass die Indonesier auf Sumatra ihre Fauna kennen. Sie scheuen keine Mühe, der Tierwelt einen angenehmen Lebensraum anzubieten, um sie vorm Aussterben zu bewahren. Außerdem weiß ich auch, dass sie mit natürlichen Ressourcen wie Wasser besonders sparsam umgehen und es nur im äußersten Notfall benutzen.

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