Wieder einmal hatte ich das Vergnügen, mit einer deutschen Firma in Wuxi eine Woche zu arbeiten. Diese Woche war etwas regnerisch. Bei schlechtem Wetter sieht man viele bunte Schirme auf der Straße. Einige dieser Schirme sind relativ groß und laufen nach einer Seite spitz zu. Außerdem bemerkt man beim genaueren Hinsehen, dass sich diese Schirme sehr schnell bewegen.

Beim Betrachten stellt man fest, dass diese Schirme auf Fahrrädern und Motorrollern montiert sind. Diese Schirme haben große Ähnlichkeit mit Drachenfliegern. Erfinderisch wie die Chinesen sind, werden sie das sicher auch tun.

Auf dem HuangShan in 2005

Der Straßenverkehr in Asien – besonders in China – ist etwas unkomplizierter geregelt als in Deutschland. So zum Beispiel verschwendet der typische Autofahrer in China nicht viel Energie mit großen Bögen beim Linksabbiegen. Die direkte Verbindung zwischen zwei Punkten ist die Gerade und die wird genutzt. Oder, wenn die Linksabbiegerspur schon voll oder die Schlange zu lang ist, fährt man einfach ganz rechts vorbei und biegt dann links ab – um keine Energie in der Schlange zu verbrennen. Das Ampelsystem wird hier auch etwas flexibler ausgelegt. “Rot heißt Halt” hatte ich früher mal gedacht. Manchmal wird hier bei Rot gehalten, manchmal auch nicht. Das System habe ich noch nicht erkannt. Wahrscheinlich hängt das einfach davon ab, ob es jemand eilig hat oder nicht. Meine Interpretation der Ampelfarben in China ist etwa so:

Grün – Du kannst versuchen zu fahren. Sei aber sehr vorsichtig.

Gelb – Versuchs einfach noch – wird schon klappen.

Rot – Selber schuld, wenn Du anhältst.

Nach diesem System ist Grün die gefährlichste Phase für diejenigen, die denken im Recht zu sein. Ansonsten hat man Vorfahrt, wenn man entweder einen Lastwagen oder Bus fährt oder wenn man ein uraltes Auto durch den Verkehr presst. Jeder lässt Dich passieren, da Du mit dem alten verbeulten Auto nie nachgeben würdest. Der Yuppie mit seinem neuen 7er BMW wird niemals Vorfahrt haben, da jeder seine Angst vor Kratzern am neuen Schau-Mal-Ich-Habs-Geschafft-Auto riechen kann.

Immer noch unterwegs. Mehr als zwei Stunden Treppensteigen ist kein Spaß.

Wenn Autofahrer aus einer Nebenstraße auf eine Hauptstraße einbiegen, tun sie das unabhängig vom Verkehr und mit mittlerer Geschwindigkeit. Sie stellen sicher, dass sie nicht in die Richtung des ankommenden Verkehrs schauen. Wieso? Ganz einfach: Sie würden sofort als Weicheier erkannt werden und der fließende Verkehr würde sein Recht einfordern. Durch bewusstes Nichtbeachten des Verkehrs ist jedem klar, dass der Einbieger nicht halten wird. So fließt der Verkehr eben weiter – nach einer kleinen Unterbrechung.

In Deutschland haben wir die Unsitte, vor Zebrastreifen mit Fußgängern zu halten und dabei noch mehr vom teuren Öl zu verschwenden. Wieso können die Fußgänger nicht schneller laufen, wenn sich Autos nähern? In China können sie. In China ist man noch Wer, wenn man im Auto an einen Zebrastreifen herankommt. Zum Zeichen dafür kann man auch mal ausgiebig von der Hupe Gebrauch machen. Fußgänger nähern sich nur sehr ängstlich einem Zebrastreifen, den sie dann zügig überschreiten. In Deutschland habe ich manchmal den Eindruck, alte Menschen können nur sehr langsam laufen. In China können auch die alten Menschen sehr, sehr schnell rennen, wenn sich mein Taxifahrer mit Vollgas und Hupe nähert. Wenn sie etwas trödeln, werden sie mit einem riesigen Schwall aus der nächsten Pfütze verabschiedet, was heißt “Pass beim nächsten Mal besser auf!”

Beim Aufräumen

Energiesparen ist angesagt in China. Im Straßenverkehr klappt das sehr gut. Beispielsweise war mir schon immer schleierhaft, wieso man in Deutschland auf einer sechsspurigen Straße nach dem Erblicken des Fahrziels auf der rechten Seite bis zur nächsten Umlenkestelle fahren muss, um dann auf der anderen Seite wieder zurückzufahren. In China nimmt man sich eine von den drei Fahrspuren auf der linken Seite und fährt gegen den Verkehr bis zum Fahrziel. Sehr praktisch. Dieses Prinzip wird auch auf vierspurigen und zweispurigen Straßen angewendet. Allerdings gibt es dann einige engstirnige Autofahrer auf der linken Seite, die hupend auf ihr Recht hinweisen.

Wieder bin ich auf dem Weg von meinem Hotel in Wuxi zum Flughafen Shanghai-Pudong in China. Der Weg ist im Taxi zwar viel länger als im Zug, der mit Schnitt 160 km/h (Spitze 260 km/h) die 150 km in unter einer Stunde erledigt. Allerdings ist der Weg zum Zug und vom Zug zum Hotel immer etwas abenteuerlich. Ein Ticket zu kaufen ist mittlerweile kein großes Thema mehr. Das ist im Hotel möglich. Zwischen Hotel und Zug hat Gott (oder wer auch immer) noch interessante Begegnungen mit vielen Chinesen gesetzt.

Hier meine Erfahrung:

Nachdem ich an einem Sonntagabend aus meinem Taxi ausgestiegen war, marschierte ich – gemeinsam mit vielen, vielen Chinesen – zur Schlange am Bahnhof, in der einen Hand meinen Koffer, in der anderen meine Computertasche. Beide Teile nicht eben leicht und ziemlich groß. Die Schlange ist interessant organisiert: Man hat eine Art Vor-Schlange. Das heißt, dieser Teil der Schlange ist nicht limitiert durch Barrikaden. An diesem Teil der Schlange stehend, wird man oft von Chinesen “überholt”. Dann geht es in eine Art enge Gasse, gebildet durch Metallbarrikaden – eine Art Viehtriebgitterzaun, wie er wohl im Westen der USA verwendet wurde, um Rinder zum Abtransport vorzubereiten. Der Sinn der Barrikade ist offensichtlich, die Menschen am “Überholen” zu hindern. Daher ist diese Metallgittergasse breit genug für genau eine Person plus ein paar Zentimeter für unsere amerikanischen Mitbürger. Am Ende dieser Gasse steht ein freundlicher Beamter, um etwas zu kontrollieren. Wenn Du aber nicht weißt, was da kontrolliert wird, kann es Dir passieren, dass Du mit Deinen Koffern gegen den Strom der anderen in der Schlange den Weg durch die Metallgittergasse zurückgehen musst. Ich wusste nicht, dass diese Schlange nur für Leute mit Ticket vorgesehen ist. Ein sehr effektiver Lernprozess, der ewig bleibende “Eindrücke” hinterlässt.

Wenn Du das Warten beim Ticketkauf und das Schlängeln in den Bahnhof geschafft hast, suchst Du nach Deinem Bahnsteig. Der Bahnsteig wird nur etwa 15min vor Abfahrt geöffnet. Daher wirst Du erst in einen der Wartesäle geleitet. Der Wartesaal ist etwa so groß wie ein halbes Fußballfeld und hat schätzungsweise 500 bis 600 Sitze, von denen Du einen ergattern solltest. Bei der Auswahl des Sitzes im Wartesaal sollte man etwas wählerisch sein. Nicht neben Familien mit kleinen Kindern bitte, da diese Dich stundenlang wie eine Sehenswürdigkeit anstarren und mit Fingern auf Dich zeigen würden. Außerdem haben die Kleinen die unangenehme Eigenschaft, bei allen unpassenden Gelegenheiten was loswerden zu müssen – groß oder klein. Da der Weg zur Toilette zu lang ist oder da keine Toilette existiert, werden die Kleinen schon mal über einen Abfalleimer gehalten, bis Ihnen was abfällt. Nicht witzig. Die Kleinen sind auf diese Art Toilette bestens vorbereitet. Die haben eine halbierte Hose, d.h. die Hose ist in der Mitte aufgeschnitten. Nur so nebenbei: Von diesen Wartesälen gibt es acht im Bahnhof Shanghai.

Nun wollte ich im Wartesaal sitzend ein paar Kleinigkeiten essen und trinken. Kein Problem – im Wartesaal gibt es einen kleinen Kiosk. Allerdings solltest Du auch hier vorsichtig sein. Bei meinem ersten Abenteuer auf der Bahn hatte ich zwei Tüten mit vermeintlichen Süßigkeiten gekauft. Leider wurde mir beim Auswickeln klar, dass da wohl etwas anderes versteckt war. Überraschung: In einer Bonbontüte hatte ich kleine getrocknete Rindfleischteilchen, in der anderen fein gesalzene Tintenfischringe. Naja, kein Problem. Das ist ja alles essbar. Der Überraschungseffekt ist wohl ähnlich, wenn Du nach mühevoller Kleinarbeit ein Date mit der Traumfrau gemacht hast und Du beim Auswickeln feststellst, dass da mehr ist, als Du wolltest.

Inzwischen bin ich in meiner Lounge im Flughafen Pudong. Die China-Chinesen sind echt witzig: auf der einen Seite gibt es viele Verbesserungen, um Prozesse schneller und komfortabler zu machen. Auf der anderen Seite gibt es offensichtlich eine ganze Menge Chinesen, die immer neue Einfälle entwickeln, mit denen man das Leben kompliziert machen kann. Gerade eben wurde ich beim Eintritt in das Flughafengebäude überprüft. Nach dem automatischen Öffnen und hinter mir Schließen der Flughafentür stand ich in der Falle. Ein Beamter hielt eine Art Schnüffler in der Hand, mit dem er meinen Koffer beschnüffelte. Ich nehme an, so eine Art elektronischer Drogenhund. Drogen hatte ich nicht dabei. Dann zum Check-In. Check-In war sehr schnell, aber danach bekam ich meinen Pass und mein Ticket nicht gleich. Ich musste das erste Mal in meinem Leben in den sogenannten Gepäcksicherheitskontrollraum. Bis jetzt wusste ich gar nicht, dass so etwas existiert. Dort stellte sich Gepäcksicherheitskontrollbeamtin Nummer 325741 vor, die meinen Koffer auf dem Band hatte. Offensichtlich war sie beim Scannen meines Koffers auf irgendein Teil gestoßen, das sie nicht identifizieren konnte. Nun durfte ich meinen Koffer öffnen. Zielsicher langte die Gepäcksicherheitskontrollbeamtin Nummer 325741 in eine Ecke meines Koffers und zog meinen Rasierapparat heraus. Dann prüfte sie das Gerät und entnahm die Batterien. Das war’s dann auch schon. Ich konnte meinen Rasierer wieder in mein Make-Up-Set neben meine Kämme stopfen und von dannen ziehen.

In China laufen solche Szenen normalerweise wortlos ab. Entweder ist es ein Sprachproblem oder es gibt wirklich nichts zu erklären. Man bekommt normalerweise keine Erklärung. Darf man Geräte nicht mit Batterien transportieren? Kann nicht sein, da ich sowohl die Batterien einpacken durfte, als auch andere Geräte in meinem Koffer ihre Batterien behalten hatten. Vielleicht ist es ja eine Vorsichtsmaßnahme. Hat eigentlich schon mal eine Flugzeugentführung mit Rasierer stattgefunden? “Hände hoch, sonst rasier ich Dich!” Vielleicht ist es ja auch die elektromagnetische Strahlung, die von einem zufällig eingeschalteten Rasierer in meinem Koffer im Bauch des Fliegers ausgeht? “Elektrorasierer brachte Boeing 747 über Hongkong zum Absturz.” Das habe ich noch nie gehört. Ich habe also wie immer keine Idee.

Derart Treppen für mehr als zwei Stunden
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