Die Mehrzahl der Chinesen in Singapore sind vor etwas weniger als einem Jahrhundert aus der Gegend um Xiamen hierher gepilgert. Dabei haben sie neben unheimlich viel Geschäftssinn auch Unsitten mitgebracht. Eine dieser Unsitten ist am besten mit dem Wort „Kiasu“ zu beschreiben, das aus dem Hokkien-Chinesischen stammt – das wird um Xiamen gesprochen – und so etwas wie „die Furcht, zu verlieren“ bedeutet.

Kiasu tritt immer dann auf, wenn Chinesen auf andere Personen treffen – auch gerne Nicht-Chinesen – und es darum geht, wer denn der Erste sein wird. Hier ein paar Beispiele:

Wenn du rückwärts aus Deinem Hof heraus fährst, musst du immer darauf achten, dass am anderen Ende der Strasse nicht schon jemand auf dem Weg ist. Es könnte ja sein, dass der dann etwas langsamer fahren muss, um nicht Deinen Wagen zu rammen. Im Gegenteil: Er wird Gas geben und dann durch Hupen darauf hinweisen, dass du seinen Weg versperrt hast. Beim ersten Mal bin ich noch stehen geblieben, um meinen Wagen zu prüfen. Ich dachte, da wäre etwas nicht in Ordnung wie Leuchten kaputt oder eine tote Katze auf der Stossstange. Da war keine Katze und die Lichter haben auch funktioniert. Amy – auch Hokkien – hat mir dann erklärt, wie der Hase läuft – oder eben die Schlange kriecht.

Das Kiasu-Prinzip trifft immer zu. So auch beim Einfädeln auf der Strasse. Dumm ist es, wenn du auf eine Autobahn auffahren willst und darauf hoffst, eine Lücke zu finden. Falls da eine Lücke war, wurde diese schon durch das nächste Auto geschlossen. Auch Opa in seinem uralten Proton findet noch die Motorkraft, um zum Ferrari davor aufzuschliessen. Niemand will jemanden vorlassen. Das Vorlassen heißt Verlieren und ist in etwa so dramatisch, wie wenn der FC Bayern drei Pflichtspiele in Folge abgibt. Beim Spurwechsel ist es ähnlich: Als Fahranfänger in Singapore habe ich noch Lichtsignal gesetzt, wenn ich die Fahrspur wechseln wollte. Irgendwann habe ich das dann aufgegeben. Setzen des Signals schliesst automatisch alle Sicherheitsabstände von hier bis Thailand und es gibt keine Chance, jemals eine Spur zu wechseln.

Es heißt aber nicht, dass in Singapore nur unhöfliche Menschen leben. Nein. Es ist eher so, dass die höflichen Menschen beim Einsteigen ins Auto mit den fast immer verdunkelten Scheiben eine Art Blitzmetamorphose durchleben. Scheinbar klemmen sie sich ein Kampfmesser zwischen die Zähne und werden für die paar Minuten des Autofahrens zum ultimativen Gegner von allem, was auch ein paar Räder hat und sich in ihre Richtung bewegt. Nachdem sie ein paar Mal ‚gewonnen‘ haben und den Wagen verlassen, sind sie wieder ganz normale Menschen wie du und ich. Fast.

Das ist nicht nur so beim Autofahren, das ist ähnlich in der Bahn. Wenn ich in der MRT stehe (und ich stehe immer aus Prinzip, solange ich noch nicht meine Zähne auf den Nachttisch legen muss!), macht sich das auch bemerkbar. Direkt an der Tür zu stehen, heißt noch nicht, als Erster auszusteigen. Da ich normalerweise nicht mit der Nase direkt an der Scheibe reibe, kann ich nicht gewinnen. Meist merke ich zu spät, dass die junge Dame, die eben noch neben mir gestanden hat, sich langsam in den 9 cm breiten Spalt zwischen mich und die Tür bewegt. Bei jedem Ruckeln des Wagens schiebt sich – ziemlich gewieft – der Pferdeschwanz unmerklich etwas mehr vor meine Nase, bis ich ihr so nahe bin, dass ich ihr Shampoo identifizieren kann. Das ist ok, wenn es sich um eine Dame im frischeren Alter handelt. Bei Oma und bei einem Herren trete ich automatisch zurück, da ich an deren Shampoo nicht wirklich interessiert bin. Daher steige ich als einer der Letzten aus. Fast immer!

Jetzt mache ich mir oft den Spaß, die anderen dazu einzuladen, mich an der Tür der MRT oder bei anderer Gelegenheit zu überholen. Ich lächele sie an und weise mit der Hand den Weg aus der Tür oder so. Es funktioniert. Sie stoppen und wollen nicht vor mir durch die Tür gehen, weil das dann wieder wie Gesicht verlieren aussehen würde. Das ist die schlimmste Art von Kiasu.

Dieses Verhalten wird von einem Chinesen als total normal angesehen. Wer sich nicht so verhält, ist ein Verlierer. Niemand fuehlt sich deshalb schlecht oder schuldig. Keine Spur. Wer will schon ein Verlierer sein.

Nun klingt das alles sehr lustig. Allerdings bilde ich mir ein, dass ein gehöriger Anteil des asiatischen, besonders des chinesischen Geschäftserfolgs auf dieses Verhalten zurückzuführen ist. Da passt es auch ganz gut ins Bild, dass Kiasu eher im Chinesischen verbreitet ist. Wenn ein Chinese – sei es ein Singaporeaner, Taiwanese oder eben ein Chinachinese – mit einem anderen im Wettbewerb steht, ist es sehr hart für den anderen zu gewinnen. Kiasu ist das Gegenteil von Fairness und Win-Win-Geschäften. Es gibt nur einen Gewinner: den Chinesen.

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