Jenseits der Schlagzeilen – Das China, das man in den Abendnachrichten nicht sieht

Jenseits der Schlagzeilen – Das China, das man in den Abendnachrichten nicht sieht

Nicoles neuer Chef und ein Perspektivenwechsel

Vor gut zwei Jahren erzählte mir meine Tochter Nicole etwas, das den eigentlichen Anstoß für diesen heutigen Bericht gab. Sie arbeitet für ein Unternehmen, das Teile an Volkswagen liefert. Zu dieser Zeit wurde die Firma, die in Schwierigkeiten steckte, von einem chinesischen Investor, Herrn Lee, aufgekauft. Die damalige deutsche Führung war… nun ja, “lausig” ist noch das höflichste Wort, das ich in einem Familien-Newsletter verwenden kann (ihr wollt gar nicht wissen, wie Nicole ihren ehemaligen deutschen CEO nannte).

Das Ergebnis dieser Übernahme? Das Unternehmen scheint wieder voll auf Kurs zu sein. Nicole blüht auf und setzt sich oft mit Annie, ihrer neuen chinesischen Unternehmenschefin, zusammen. Es stellte sich heraus, dass eine pragmatische, zukunftsorientierte chinesische Führung genau das richtige Heilmittel gegen deutsche bürokratische Sturheit war.

China ist keine Bedrohung

Wer nur westliche Medien konsumiert, könnte China glatt für eine reine Bedrohung halten. Aber nachdem ich viel Zeit dort verbracht, in der Industrie gearbeitet und die Realität vor Ort gesehen habe, kann ich euch sagen: Der Geschichte, die uns aufgetischt wird, fehlen ein paar entscheidende Kapitel. Lasst uns mal hinter den Vorhang schauen.

Eine kurze Zeitreise (Von Qin zum Kapitalismus)

Um das moderne China zu verstehen, muss man in den Rückspiegel schauen. Der Name “China” stammt übrigens von der alten Qin-Dynastie (ausgesprochen “Chin”), die das Reich um 220 v. Chr. als erste vereinte.

Spulen wir mal durch Jahrhunderte voller Kaiser bis ins 20. Jahrhundert vor, in dem das Land die unglaublich harten und turbulenten Jahre unter Mao Zedong durchmachte. Der eigentliche Wendepunkt – der Moment, in dem der Drache erwachte – ist jedoch Deng Xiaoping zu verdanken, der im Dezember 1978 die “Reform und Öffnung” verkündete.

Deng Xiaoping erkannte, dass ein bisschen Marktwirtschaft niemandem schadet, und startete damit eine Transformation, die Hunderte Millionen Menschen in einem Tempo aus der Armut befreite, das die Welt noch nie gesehen hatte.

Frieden, Macht und Geopolitik (Oder: Wer legt hier eigentlich die Brände?)

Im Westen wird viel über Chinas wachsende Macht gejammert. Aber schauen wir uns doch mal die nackten Tatsachen an. Während westliche Medien vor chinesischer Aggression warnen, sollte wir uns die Geschichte an.

Seit der Gründung der USA wurden durch die USA etwa 200 militärische Interventionen begonnen – meist auf dem Hoheitsgebiet anderer Staaten. China dagegen hat ein paar Scharmützel an seinen Grenzen durchgezogen. Alles zur Verteidigung.

Wenn die USA und Israel in den Iran einmarschieren, hat das mit Verteidigung nichts zu tun. Nebenbei: In den letzten 250 Jahren hat der Iran keinen Krieg begonnen, war aber oft das Ziel ausländischer Interventionen. Wo ist denn die iranische Bedrohung? Die israelische Bedrohung für die Völker im Nahen Osten ist sehr real.

Chinas moderne Philosophie konzentriert sich weit mehr auf den Bau von Infrastruktur und Handelsrouten als auf den Abwurf von Sprengstoff. Ihre Macht wird wachsen, aber vielleicht ist es an der Zeit, dass wir aufhören, sie zu fürchten, und anfangen, sie zu verstehen.

Die Große Grüne Mauer

Allerdings ist dieser bewaldete Autobahnmittelstreifen eine Kleiningkeit verglichen mit Chinas Wüstenschutzprogramm.

Immer wieder wird berichtet, dass sich die Wüsten auf unserem Planeten weiter ausbreiten. In etwa hundert Jahren hat sich die Sahara 10% mehr Land einverleibt. Das klingt nicht viel, macht aber bei der Größe der Sahara eine Fläche von knapp dreimal Deutschland aus.

Ähnlich steht es um die Wüste Gobi, die sich über weite Teile der Mongolei und Chinas erstreckt. Wann immer ich solche Berichte lese, frage ich mich eine kindliche Frage: Warum pflanzt man nicht einfach etwas an? Klingt blöd, oder?

Offensichtlich ist das eine nicht ganz so dumme Frage, die sich die Chinesen vor langer Zeit auch gestellt haben.

Seit 1978 läuft in China das größte Aufforstungsprogramm seit Menschengedenken. Dieses bis etwa 2050 geplante Vorhaben hat zum Ziel, große Teile der Wüste Gobi zu begrünen.

Über eine Strecke von über 4500km werden auf einer Breite von mehreren 100km Bäume, Büsche und Gräser angepflanzt (Video in deutsch).

Stell Dir vor, die Chinesen begrünen einen Teil der Wüsten Gobi und Taklamakan auf einer Fläche größer als Deutschland! Das sind etwa 360 Tausend Quadratkilometer, die entlang der Chinesischen Mauer verlaufen und damit dem Projekt den Namen gegeben haben – Große Grüne Mauer.

Wie ist der Stand?

Bisher wurden in 13 Provinzen Schutzwälder angelegt. Sie bedecken bereits eine Fläche von 220.000 Quadratkilometern. Das ist größer als die Fläche Großbritanniens.

In einigen Regionen waren die Aufforstungsarbeiten bereits erfolgreich. Ausgetrocknete Gegenden, in denen die Bewohner in der Vergangenheit ihre Häuser täglich vom Sand befreien mussten, bleiben bewohnbar, die Wirkung der Sandstürme in diesen Regionen ging zurück (Video in deutsch, Video in English).

Bisher gepflanzte Wälder haben den Sandtransport der Stürme schon um 200 Mio. Tonnen pro Jahr verringert. Seit den 1990er Jahren hat sich Chinas Waldfläche fast verdoppelt (mehr auf Wikipedia). 

China verfügt insgesamt über 1.750.000 Quadratkilometer Wald (Stand 2008) und damit über die größten wieder aufgeforsteten Waldgebiete der Welt. Seit 1978 wurden hierfür über 60 Milliarden Bäume gepflanzt (Stand 2016).

Zum Vergleich: In den deutschen Wäldern stehen circa 90 Milliarden Bäume (Quelle).

Fortschritte sind nicht nur in der Wiederaufforstung zu verzeichnen. Auch die Forstwissenschaft hat profitiert und profitiert noch. Es gibt ganz wenige Pflanzen, die von Natur aus wenig Durst haben. Werden nur diese Pflanzen verwendet, entsteht eine sehr anfällige Monokultur.

Daher wurden in speziellen Forschungseinrichtungen Pflanzen gezüchtet, die mit den harten Wüstenbedingungen besser umgehen können. So zum Beispiel gibt es Bäume, die mit bis zu 80 Meter langen Wurzeln nach Wasser suchen.

Heute gibt es in der Wüste Mischwälder, die eine höhere Überlebenschance haben.

Um Bauern für die Ansiedlung entlang der Wüste zu interessieren, wurde ihnen Land angeboten, auf denen sie pflanzen und ernten und damit auch ein Einkommen erzeugen können – neben dem Nutzen für die Umwelt (mehr hier).

Fazit

Die Große Grüne Mauer ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, was Menschen erreichen können, wenn sie zusammenarbeiten. Es zeigt, dass selbst die größten Herausforderungen mit Kreativität und Entschlossenheit gemeistert werden können.

Und wer weiß, vielleicht können wir uns in Zukunft alle an einem grünen Gürtel erfreuen, der die Wüsten dieser Welt zähmt.

Zusätzliche Fakten

  • Die Chinesen setzen für die Große grüne Mauer auch Drohnen ein, die Baumsaamen aus der Luft pflanzen. Hightech-Forstarbeit!
  • Einige der gepflanzten Bäume und Sträucher sind essbar und dienen als zusätzliche Einkommensquelle für die lokale Bevölkerung. So wird Umweltschutz zum Wirtschaftsfaktor.
  • Millionen von Menschen, von Schulkindern bis zu Rentnern, werden jedes Jahr mobilisiert, um Bäume zu pflanzen. Es ist fast wie eine jährliche “Pflanz-Olympiade“! Man könnte sagen, dass die Chinesen eine “Pflanz-Armee” haben, die gegen die Wüste kämpft.
  • In einigen Gebieten werden Solarparks errichtet, die nicht nur Strom erzeugen, sondern auch Schatten spenden und die Bodentemperatur senken. So entstehen “Solar-Oasen“, die das Wachstum von Pflanzen fördern.
  • Durch die Bepflanzung blühen nun viele Pflanzen in der Wüste. Das lockt Bienen an, und es entstehen neue Arbeitsplätze für “Wüsten-Imker“, die Honig produzieren.
  • Die große Menge an Bäumen, die gepflanzt werden, haben auch einen sehr wichtigen Nebeneffekt. Sie wirken wie eine riesige Klimaanlage. Die Bäume sorgen für eine Abkühlung der Region, und verbessern das Lokale Klima.
  • Durch die neu geschaffenen Lebensräume kehren auch Tiere zurück, die zuvor aus der Region verschwunden waren. So wird die Wüste nicht nur grüner, sondern auch lebendiger.

Die Große Grüne Mauer von Afrika

Nach dem chinesischen Vorbild entsteht eine Große Grüne Mauer entlang der Sahara in Afrika (Wikipedia). Dieses Projekt wurde im Jahr 2005 von der Afrikanischen Union ins Leben gerufen (Video in deutsch, Video in English).

Bis Anfang 2017 wurden 15 Prozent der ursprünglich geplanten Bäume gepflanzt, etwa im Senegal und in Burkina Faso. Allein im Senegal seien auf einer Länge von 150 km und einer Fläche von 40.000 Hektar zwölf Millionen Bäume gepflanzt worden – vor allem einheimische Arten wie Akazien, die mit Trockenheit zurechtkommen.

Künftig sollen nachhaltige indigene Landnutzungspraktiken im Mittelpunkt des Projektes stehen. Beispielsweise haben Teilprojekte in Burkina Faso und Niger den örtlichen Landwirten geholfen, über 300.000 Hektar – das ist soviel wie viermal Singapur – zuvor unproduktives Land in Ackerland für die Nahrungsmittelproduktion umzuwandeln.

Im Herbst 2024 wurde veröffentlicht, dass die Entwicklung voranschreite. So sei auf etwa 60 % der geplanten Fläche im Tschadbecken mit den Pflanzungen begonnen worden (Wikipedia).

Randbemerkung: Ein grünes Wunder im Schatten der Schlagzeilen

Seit ich vor einigen Tagen auf die Große Grüne Mauer aufmerksam wurde, bin ich zutiefst beeindruckt. In einer Zeit, in der wir uns mit Mondlandungen, Marsmissionen, Hightech-Autos, Robotern und künstlicher Intelligenz brüsten, sollten wir uns wieder auf das Wesentliche besinnen.

Wir schicken Menschen zum Mond – falls das Ganze keine hochgeheime Inszenierung im Studio war – und planen Reisen zum Mars. Spektakuläre Unternehmungen, die zweifellos den Horizont der Menschheit erweitern. Doch seit Neil Armstrong seine berühmten Schritte auf dem Mond tat, hat sich das Leben auf der Erde für die meisten Menschen nicht verändert. Es gab einen riesigen Medienrummel, der die Welt in Atem hielt, doch die Auswirkungen auf den Alltag waren unbedeutend.

Im Gegensatz dazu stehen die Großen Grünen Mauern in China und in Afrika. Diese Projekte retten Leben, verbessern die Lebensbedingungen von Millionen Menschen und bekämpfen die fortschreitende Wüstenbildung – eine der größten Bedrohungen unserer Zeit. In Afrika werden durch die Große Grüne Mauer nicht nur neue Lebensgrundlagen geschaffen, sondern auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in einer der ärmsten Regionen der Welt gestärkt.

Und doch: Während Mondlandungen und Marsmissionen weltweit Schlagzeilen machen, bleibt die Große Grüne Mauer weitgehend im Schatten der medialen Aufmerksamkeit. Ein gigantisches Unterfangen, das die Zukunft unseres Planeten maßgeblich beeinflusst, erhält nicht annähernd die Anerkennung, die ihm gebührt.

Es ist an der Zeit, dass wir unsere Prioritäten überdenken. Wir sollten die Errungenschaften von Wissenschaft und Technologie feiern, aber wir dürfen nicht vergessen, dass die größten Herausforderungen unserer Zeit oft auf der Erde selbst liegen. Die Große Grüne Mauer ist ein Beweis dafür, dass wir mit Entschlossenheit und Zusammenarbeit selbst die größten Probleme lösen können.


Sieben Tage in Tibet

Seit langem war das „Dach der Welt“ einer meiner Traumziele. Leider wusste ich nicht, dass der Besuch in Tibet weniger ein Urlaub, sondern viel mehr ein Abenteuer mit einigen durchaus harten Einlagen werden sollte. 

Auf dem Weg nach Nanjing

Der Flug von Singapore nach China mit Singapore Airlines ist immer angenehm, der Aufenthalt in China dagegen manchmal etwas merkwürdig. Gerade eben nach der Landung auf dem internationalen Flughafen von…

Rex-Kaninchen in der Wüste

Mit Weiden und Kaninchen gegen die Wüste

Zhao Yongliang stammt aus der Autonomen Region Innere Mongolei in China, einer Region, die stark von Wüstenbildung und Sandstürmen betroffen ist. Frustriert von den zunehmenden ökologischen Problemen beschloss er, etwas zu unternehmen.

Bier aus China

Heute trinken wir und unsere Schwiegersöhne sehr gerne Tsingtao. Tsingtao ist von deutschen Einwanderern zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Osten von China gegründet worden und braut nach dem Reinheitsgebot von 1516.

Im Land der Hakka

Zu Besuch bei den Hakka

Als die Hakka in der gebirgigen südwestlichen Provinz Fujian in China siedelten, entwickelten sie einzigartige architektonische Gebäude, die Tulou (土樓) genannt werden, was wörtlich übersetzt Lehmbauten bedeutet.

Und was klappt in Deutschland?

Wieder zurück zu Bosch Siemens in Nanjing, einer Partnerstadt von Leipzig mit etwa 8 Millionen Einwohnern. Nach zwei Tagen in Nanjing (南京), wo Amy einen Tag und ich einen Tag…

Comments

No comments yet. Why don’t you start the discussion?

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

twenty two  −    =  sixteen