Ein Freund hat mich letztens nach den Gründen gefragt, wieso ich eigentlich nach Asien gegangen bin. Hier also die Geschichte:

Nachdem Erich uns in die Welt entlassen hatte, bekam ich einen Job als Unternehmensberater beim TÜV Rheinland in Köln.

Noch heute bin ich Prof Hermann Thomann sehr dankbar, dass er mir diese Möglichkeit geboten hatte. Frau im Job in der Nähe von Düsseldorf, Kinder in der Schule in Leverkusen, wo wir auch eine sehr ordentliche Maisonette-Wohnung hatten – was will der gelernte Ostgermane mehr?

TÜV Rheinland in Köln (Foto: TÜV Rheinland)

Unsere kleine Beratungsgesellschaft war damals vom TÜV Rheinland und der amerikanischen Ebasco gegründet worden. Folglich hatten wir zwei Geschäftsführer, Hermann vom TÜV und Jim von Ebasco. Das wirklich Beste an dieser Konstellation war die einmalige Chance, zwei völlig unterschiedliche Kulturen, Denk- und Verhaltensweisen gleichzeitig kennenzulernen. Nach kurzer Zeit hatten wir den Dreh raus, wie man damit vorteilhaft umgeht.

Wenn ich mit Hermann zum Kunden fahren durfte, konnte ich unheimlich viel lernen, sowohl technisch als auch über den Umgang mit Menschen. Das war besonders für mich wichtig, da ich früher mit Menschen eher nicht umgegangen bin – meine Klassenkameraden werden sich erinnern.

Wenn ein Trip mit Jim angesagt war, musste ich bestens vorbereitet sein. Erst im Auto hat er mich nach ein paar unwichtigen Dingen wie Firmenname und die der Ansprechpartner sowie unser Angebot gefragt. Allerdings liegt darin auch Methode. Jim hatte keine Ahnung, aber konnte ein Verkaufsgespräch zum Erfolg führen. Amerikanischer Stil eben. Um Zahlen und Fakten hat er sich gedrückt. Dafür waren wir da.

Wenn wir Zahlen und Fakten diskutieren wollten, gingen wir zu Hermann. Wenn wir eine Unterschrift ohne genaue Prüfung brauchten, war Jim der Richtige.

Nach ein paar Monaten hatte ich neben der Beratung eine interessante Nebenbeschäftigung: die Personalaus- und Weiterbildung in der TÜV Akademie. Das lief toll, und ich hatte die Chance, sehr viele interessante Menschen von den besten deutschen Unternehmen kennenzulernen. Und offensichtlich fanden die die Sache auch nicht schlecht. So habe ich mehr Zeit in der Akademie – dem Rundbau hinter dem Turm – als in meinem Büro im Turm verbracht.

Den TÜV Rheinland gibt es in mehr als hundert Ländern, wo ähnlicher Bedarf wie zu Hause bestand und besteht. So hatte ich oftmals Lehrgangsunterlagen für meine Kollegen vorzubereiten, die das Programm dann irgendwo auf der Welt in Spanisch, Englisch oder anderen Sprachen abarbeiten durften. Natürlich war die Sache reizvoll. Doch eine volle Woche in einer anderen Sprache am Stück ist eine Herausforderung … dachte ich. Das hätte ich mir nicht zugetraut.

In 1993 und zu einer Zeit, als ich noch deutlich mehr Grün hinter den Ohren hatte, war mein Freund Jürgen dran. Jürgen sollte einen 5-Tage-Workshop in Englisch abwickeln. Jürgen ist der sprachbegabteste Mensch in meiner Erfahrung. Zu Hause sprach er mit seiner brasilianischen Frau nur portugiesisch, daneben natürlich spanisch und auf jeden Fall Englisch. Sein Englisch war besser als mein Deutsch.

Zwei Wochen vor seinem Abflug war alles vorbereitet. Ich hatte meinen Teil erledigt und es konnte nichts schief gehen. Eigentlich. Plötzlich wurde bekannt, dass Jürgen einen Zusammenbruch erlitten hatte. Körperlich war er ok. Seine Nerven waren wohl in Erwartung der Überseereise aus dem Gleichgewicht geraten. Meine Kollegen kommentierten das mit „wieder einmal“. Es war nichts Schlimmes passiert. Allerdings war klar: er kann nicht fliegen.

Mein deutscher Boss hätte die Veranstaltung verschoben, nachdem er in die Runde gefragt hatte. Keiner war bereit, diesen Job zu übernehmen. Mein amerikanischer Boss Jim war da ganz anders. Er schaute nochmal etwas angestrengter in die Runde und sein Blick blieb bei mir hängen.

„UK, was machst Du die nächsten Wochen?“ fragte er mich direkt. Während ich meine Jobs auflistete, leitete er schon einige der Aufgaben auf meine Kollegen um.

„UK, die anderen verschiebst Du!“

„Aber ich habe bisher kaum Jobs in Englisch gehabt“, meinte ich etwas besorgt. Das war schon richtig, allerdings sprach er mit uns bevorzugt englisch. Er kannte also seine Pappenheimer.

„Das ändern wir ja gerade“, war seine wie immer lächelnde, aber bestimmte Antwort.

„Für die nächsten zwei Wochen bis zum Abflug bekommst Du eine persönliche Englischtrainerin. Jeden Morgen zwei Stunden wird reichen“ und so wurde ich nicht auf einen, sondern auf drei Wochen Asien getrimmt. Zwei Wochen später saß ich im Jumbo nach Süd-Ost-Asien.

Mein erster Flug nach Asien mit Cathay Pacific – ein Traum

Die erste Woche in Hong Kong war wohl der schwierigste Start, den man sich vorstellen kann. Meine Trainerin hatte mich auf Englisch, nicht aber auf Hong Kong Englisch vorbereitet. Am ersten Tag hatte ich meinen Job gemacht, ohne die Teilnehmer zu verstehen. Die Nächte verbrachte ich mit Wörterbuch. Am Ende der Woche war das besser.

Hong Kong ist auch nach der chinesischen Übernahme noch faszinierend einzigartig

Die zweite Woche brachte mich auf die Philippinen in einen toten Vulkan. Diese Woche war angenehm, da die Philippinos sehr warme Menschen sind und wir richtig gut miteinander konnten. Noch immer verbringe ich sehr gerne einen Urlaub da.

Hong Kong ist ein starker Kontrast zu den Philippinen

Die dritte Woche brachte mich dann nach Tokio in Japan. Das war die leichteste Übung, da die TÜV Japaner zwei bildhübsche Übersetzerinnen besorgt hatten. Mit denen hätte ich auch eine Woche über die Schrödingergleichung debattiert. Da meine japanischen Kollegen über meine Sprachkenntnisse informiert waren, übersetzten die Dolmetscher vom Englischen ins Japanische. Danke auch.

Die Welt von Morgen konnte und kann in Japan besucht werden

Neben der Arbeit hatte ich drei Wochen Zeit, Kultur, Landschaft und Menschen zu studieren. Sicher sind die drei Länder sehr unterschiedlich; die asiatische Freundlichkeit und das nette Miteinander sind ähnlich. Damals schon ist mir beispielsweise aufgefallen, dass eine Familie immer mehrere Generationen vereint, die oft alle unter einem Dach wohnen. Und die tun das in sehr harmonischer Weise. Oberstes Prinzip ist, das die Älteren respektiert und bedient werden.

Und es gibt hier viele andere Dinge, die ich sehr mag.

Natürlich war dieser erste Job ein Meilenstein für mich. Offensichtlich wurde bewiesen, dass ich auch vor größeren Herausforderungen nicht wegrenne, sondern schon mal die amerikanische Sichtweise übernehme wie „das wird schon klappen“. Daher wurde ich zum „Mann für diese Aufgaben“.

Nichts ist hilfreicher als eine Herausforderung, um das Beste in einem Menschen hervorzubringen.

Sean Connery

Als nächstes gab es eine in Ägypten, ebenfalls in Englisch. Hermann und besonders Jim hatten dann sehr schnell mich im Auge. Dann Brasilien, China, Taiwan, Hong Kong, usw. Die erste Übersee-Aufgabe hatte mein Leben verändert.

Schon beim ersten Besuch und dann durch viele weitere Asien-Jobs hatte ich den Traum entwickelt, mal etwas mehr Zeit in Asien zu verbringen. Mittlerweile sind es über 20 Jahre, von denen ich keinen Tag bereuen musste. Ich möchte sogar sagen, dass mich meine Zeit hier zu einem besseren Menschen gemacht hat.

Danke, Frau Tan.


Und … seid vorsichtig mit Euren Träumen. Die könnten in Wirklichkeit umschlagen.

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Bei Interesse, schick einfach eine Mail an uk@uk-online.de. Danke. UK

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